"Etwa 2,6 Millionen Kinder wachsen in Deutschland in Armut auf". Mit diesen harten Worten begrüßte AWO-Geschäftsführer Werner Hepp die Gäste der Veranstaltung "Arme Kinder im reichen Deutschland", zu der die AWO mit 8 Mitveranstalter/innen eingeladen hatte. 

Als Hauptrednerin war es gelungen, die renommierte Sozialwissenschaftlerin Gerda Holz aus Frankfurt zu gewinnen.

Um dem Thema mehr Raum zu geben und möglichst viele Menschen zu erreichen hatte man sich entschlossen, die Veranstaltung zweimal durchzuführen. Einmal im Haus der Bildung in Schwäbisch Hall und am darauffolgenden Abend in der Volkshochschule Crailsheim. Dem Aufruf der Organisatoren waren die Menschen zahlreich gefolgt. 80 Gäste in Schwäbisch Hall und 40 Zuhörerinnen und Zuhörer in Crailsheim waren gekommen um sich zu informieren und zu diskutieren. Unter den Zuhörern befand sich auch der FDP-Landtagsabgeordnete Dr. Bullinger.

Gerda Holz forscht, mit ihrem Team am Institut für Sozialpädagogik und Sozialarbeit in Frankfurt, seit über 20 Jahren an dem Thema Kinderarmut. Damals begannen sie damit, weil es keine belastbaren Zahlen zum Thema Kinderarmut gab. Nun könne man schon auf viele Jahre der Forschung zurückblicken. Zudem auch auf Kinder und Personen, die man die ganze Zeit über auf ihrem Lebensweg begleitet hat und so verfolgen konnte, wie sich Menschen unter Armutsbedingungen entwickeln.

Armut bedeute für Kinder in Deutschland meist nicht, kein Dach über dem Kopf oder kein Essen zu haben. Man rede hier immer von der sogenannten relativen Armut. Also die Erfahrungen, die Kinder von der Gesellschaft abschneiden. Beispielsweise kein Geld zu haben für das Freibad, Bücher, Kinobesuche, neue Kleidung oder Vereinsmitgliedschaften. All die Erfahrungen, die gleichaltrige Kinder machen. Dies hinterlässt Spuren bei den Kindern, die an der Selbstachtung nagen und ihnen immer wieder das Gefühl geben, nicht dazuzugehören.

Dies verfestige sich immer mehr in einer gefährlichen Armutsspirale, die die geistige Entwicklung der Kinder deutlich hemmt. Oft werde hier so getan, so Holz, als würden sich die Kinder nicht genug anstrengen. Doch dem sei mitnichten so. Jedes Kind muss eh schon einen riesigen Korb an Aufgaben bewältigen, bis es Erwachsen wird. Die Beschäftigung mit der Armut und die Ausgrenzung belasten all diese Aufgaben zunehmend.

All dies ist empirisch belegt. Arme Kinder erleben mehr Mangel, müssen auf mehr verzichten, wachsen isolierter auf, erleben häufiger auch familiäre Belastungen, haben einen tendenziell schlechteren Gesundheitszustand. Diese Faktoren führen zu Stress, weniger Selbstwertgefühl, weniger Erfolgserlebnissen und folglich zu einer Ohnmacht, die meist wieder in der Armut endet.

Gerda Holz zeigte aber auch Wege aus der Armut auf. Wichtig sei es, die Prävention so früh wie möglich und so langanhaltend wie möglich umzusetzen. Das wichtigste für Kinder ist dabei auch eines der am schwierigsten umzusetzende Ziele. Und zwar die Selbstsicherheit und Selbstachtung zu stärken und eine stabile Beziehung zu den Eltern (oder den Erziehungsberechtigten) aufzubauen. Dies zeigt auch auf, dass man - aus Kindersicht gedacht - immer alle "Ebenen" mitdenken und im Blick behalten muss. Sprich die Eltern, die Freunde, Lehrer, die ganze Schule und auch die Kommune können wichtige Beiträge leisten.

Im Anschluss an den Vortrag wurden die Ergebnisse von Gerda Holz mit den Erfahrungswerten von jeweils zwei Praktikerinnen vor Ort gespiegelt. In Schwäbisch Hall waren dies Vesna Walter, die Leiterin der Grundschule Hessental und Sonja Schwinn, die Leiterin der Sozialpädagogischen Familienhilfe der AWO Schwäbisch Hall. In Crailsheim Katharina Kalteiß, Leiterin des Jugendbüros Crailsheim und Sigrun Lutz-Sigg, Rektorin Käthe-Kollwitz-Schule Crailsheim. Moderiert wurden die Abende von Marcel Miara und Martin Dilger.

Diese Erfahrungen konnte Vesna Walter daher aus der Praxis nur bestätigen. An ihrer Schule seien viele Kinder, die in Armut leben. Oft sehen man dies bereits am ersten Tag, wenn die Kinder nicht einmal eine Schultüte zur Einschulung mitbringen. Für diese Familien ist dann auch der Kauf eines Füllers oder eines neuen Paars Turnschuhe eine finanzielle Überforderung. Oder auch die einfache Frage der Mitschüler "Was hast du denn zum Geburtstag bekommen?" bekomme in diesen Fällen eine neue Dimension. Sie erwähnte dabei auch die Stadt und die AWO lobend, die die Schulen vielfältig dabei unterstützen, diesen Kindern unter die Arme zu greifen.

Oft bestehe ein Problem darin, dass die Kinder manche Angebote gar nicht in Anspruch nehmen können. Einfach, weil sie nicht hinkommen. Arme Familien wohnen oft außerhalb, wo es günstiger ist, es ist kein Auto vorhanden und für den Bus fehlt das Geld. Gerda Holz wies darauf hin, wie wichtig es sei, Netzwerke zu bilden. Auch um Angebote besser zu vernetzen. Dies sei natürlich eine anspruchsvolle Daueraufgabe.

Die Mitveranstalter waren:

AWO-Kreisverband Schwäbisch Hall-Hohenlohe, VHS Schwäbisch Hall, VHS Crailsheim, GEW-Kreisverband Schwäbisch Hall, Bündnis umfairteilen, attac, die Akademie der Weltmarktverlierer, das Evangelische Kreisbildungswerk und die Evangelische Familienbildung Schwäbisch Hall.

>>Die Präsentation von Frau Holz steht Ihnen hier zum Download zur Verfügung!<<

 

Die Bilder:

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(v.l.n.r.) Gerda Holz, Martin Dilger (Leiter VHS Crailsheim), Katharina Kalteiß (Leiterin Jugendbüro Crailsheim) und Sigrun Lutz-Sigg (Rektorin Käthe-Kollwitz-Schule Crailsheim)

 

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AWO-Geschäftsführer Werner Hepp bei seiner Begrüßung

 

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Gerda Holz bei ihrem Vortrag in Crailsheim

 

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Gerda Holz und Martin Dilger

 

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Gerda Holz bei ihrem Vortrag in Schwäbisch Hall, im Hintergrund Marcel Miara von der VHS Schwäbisch Hall

 

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(v.l.n.r.) Sonja Schwinn (Leiterin der sozialpädagogischen Familienhilfe), Vesna Walter (Leiterin der Grundschule Hessental) und Moderator Marcel Miara

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