Die Haller Arbeiterwohlfahrt betreut unter erschwerten Bedingungen die hilfsbedürftigen Familien. Der neue Geschäftsführer Lars Piechot erklärt, wie das für einen Bereich der Arbeit funktioniert.

Von Tobias Würth (30.04.2020 Schwäbisch Hall, Haller Tagblatt)

 

Pünktlich zur vereinbarten Uhrzeit tauchen vier Köpfe auf dem Handy-Display auf. Die Videokonferenz der Arbeiterwohlfahrt (AWO) startet. Die Mitarbeiter sind mit der Technik vertraut. Keiner redet dazwischen. Jeder spricht deutlich ins Mikrofon. Die Geschäftsstelle der Arbeiterwohlfahrt in der Schwäbisch Haller Mohrenstraße ist für Publikumsverkehr längst geschlossen. Die Mitarbeiter treffen sich vor allem im virtuellen Raum.

Die Abstandsregeln stellen ganz besondere Herausforderungen an ein soziales Unternehmen, das auf die Nähe zu den Menschen angewiesen ist. „Dass die Einschränkungen im März so schnell kommen, haben auch wir nicht gedacht“, berichtet der neue AWO-Geschäftsführer Lars Piechot. Doch der soziale Dienstleister mit seinen 200 Mitarbeitern und einem Geschäftsvolumen von 5,2 Millionen Euro (im Jahr 2018) sei nicht unvorbereitet. Da viele Mitarbeiter in Teilzeit arbeiten, sei schon vor der Corona-Zeit das Homeoffice eingeführt worden.

Allein 150 Mitarbeiter der AWO arbeiten in Schulen. Die sind bis jetzt dicht. Daher gibt es nun bei der AWO auch Bereiche mit Kurzarbeit. „Diese Mitarbeiter sind schon schwer ausgebremst“, sagt Piechot. Während Essen auf Rädern boomt und die Schulsozialarbeit in der bisherigen Form nicht möglich ist, will der neue Geschäftsführer die Aufmerksamkeit auf weitere Bereiche lenken, die in der Corona-Krise unter erschwerten Bedingungen weiterlaufen.

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Gespräche führt die AWO über Video. Gottfried Mahling

Krach auf engstem Raum

„Ohne die Schule steigt das Konfliktpotenzial in Familien“, berichtet er. Unterricht im Klassenzimmer und die Betreuung am Nachmittag gibt es seit Wochen nicht mehr. Die AWO kümmert sich um Familien, die oft allein nicht zurechtkommen. „Die Kinder sind nicht zum Spaß in unseren Angeboten“, meint Piechot. Doch Gruppenangebote gebe es derzeit gar nicht mehr.

„Es gibt viele kritische Momente in den Familien. Die haben wir gut abgefangen“, meint Florian Dinse. Er leitet – in Abstimmung mit Partnerorganisationen – die Arbeit der ambulanten Jugendhilfe, in der rund 17 Mitarbeiter beschäftigt sind. Doch wie soll man die Familienhilfe aufrechterhalten, wenn man den Menschen nicht direkt helfen darf? „Insbesondere in Familien, in denen die Fachkräfte eine Kindeswohlgefährdung wahrnehmen oder befürchten, ist für uns die Aufrechterhaltung von persönlichen Kontakten ein wichtiger Beitrag zum Schutz des Kindes. Anordnungen des Gesundheitsamts wird aber von uns selbstverständlich Folge geleistet“, meint Dinse. „Mitarbeiter suchen die Familien auf, halten aber 1,5 Meter Abstand“, erläutert er.

In einigen Familien scheint es gewaltig zu krachen. Der Einfluss der Lehrer auf die Kinder in der Schule fällt weg, die Bewegung in Sportvereinen fehlt. „Die Kinder verbringen oft Stunden vor den Medien. Danach sind sie nicht ausgelastet“, berichtet Dinse.

Einige Eltern verzweifeln oder waren bereits vor der Krise überfordert. Zwar werde der persönliche Kontakt vermieden, ein Spaziergang mit dem Mitarbeiter bleibe aber möglich. Bei einem anderen Beratungskonzept werde wöchentlich per Telefon Kontakt zu jungen Müttern gehalten.

Ähnliches berichtet Gerda Rößler, die für die Migrationsberatung und das Integrationsmanagement zuständig ist. Rund acht Mitarbeiter in verschiedenen Programmen sind dafür im Einsatz. „Wir stehen für Sie als Ansprechpartner zur Verfügung“, gibt Rößler die Devise aus. Die Mitarbeiter hätten weiterhin Kontakt zu ihrer Zielgruppe aufgenommen – meist per Telefon oder Textnachricht. Das sei aber wegen der Sprachbarrieren besonders knifflig. „Ganz wichtig war es, mehrsprachige Nachrichten über das Virus und den Gesundheitsschutz weiterzugeben“, berichtet Rößler. Die Angst sei groß. Eine Familie aus Italien habe sich komplett in die Wohnung zurückgezogen. Für diese wurde ein Einkaufsservice organisiert. Neu: Die Migrationsberatung ist jetzt auf Facebook präsent.

„Das ist alles zeitintensiv“, berichtet Rößler. So würden Formulare abfotografiert und verschickt, um sie gemeinsam auszufüllen. Es gelte, den Datenschutz zu beachten. Man werde kreativ. Rößler berichtet: Eine Mitarbeiterin habe ein Tischchen in den Garten gestellt und das Formular da­raufgelegt, das ein Migrant unterschreiben sollte. Es gebe auch Erfolge. So seien mitten in der Krise zwei Arbeitsstellen vermittelt worden. Ein Geflüchteter arbeitet nun als Fahrer, ein anderer als Näher von Schutzmasken.

Viele fallen durchs Raster

Lars Piechot ist sehr froh darüber, dass die verschiedenen Geldgeber die Konzepte mittragen. Im Gegenzug sichert er eine Betreuung der Zielgruppen auch unter erschwerten Bedingungen zu. So startet das Projekt „Powerkids“, das benachteiligte Kinder unterstützen soll, zunächst im virtuellen Raum und ohne Gruppentreffen.

Einiges werde auf die neuesten Abstandsregeln optimiert. Doch die Helfer sind auch besorgt. Sie erreichen nur diejenigen, die sie schon kennen. Doch was passiert mit all denen, die nicht auf dem Radar der AWO sind? Piechot: „Der breiten Masse fehlt eine solche Unterstützung.“

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